AKTUELLES

(giessen, den 25.10.2020) Tja, was wird wohl werden mit diesem Herbst? Und erst recht mit dem noch folgenden Winter? Fragen wir nach im All, bei den Auguren, die blicken in die Eingeweide der Tauben, bei all den Experten und den Expertisen und bei jenen, die schon bevor das alles losging, genau wußten wohin der Hase lang löppt, so rum oder anders rum. Ich weiß es nicht. Ich hoffe, daß meine zwei nächsten Auftritte (1. und 6. November) noch stattfinden werden. Danach, denke ich mal, wird irgendwann wieder der gesellschaftliche Rolladen runtergelassen werden, auch wenn wir wie die Kinder ganz fest uns gegenseitig die Augen zudrücken und Petersilie in die Ohren stopfen, in der Hoffnung der Krug geht an uns vorüber und bricht dem Nachbarn in den Garten. Da denke ich als Realist, der dem hoffnungsfrohen Pessimismus zugeneigt bleibt, wahrscheinlich ist es besser dies schnell und schmerzhaft zu tun, als es auf unendlicher langer Bank vor sich herzuschieben und so noch mehr Langzeitschädigungen in Kauf zu nehmen. Man kennt das ja aus privaten Krankheitsgeschichten. Leugnen bringt nix. Und so berechtigt das ist die Politik in die Verantwortung zu nehmen, auch Hilfen einzufordern vom Staat, Ungerechtigkeiten und Ungleichheiten zu benennen, muß ich doch – altersbedingt oder weil Dylan mal wieder darauf hingewiesen hat? – dieser Tage öfters an das berühmte JFK – Zitat denken: „Frag nicht, was Dein Land für Dich tun kann, sondern frag Dich, was Du für Dein Land tun kannst.“ Klingt wohl schrecklich altvordern moralisch bääh, aber Gott, nur dumm ist das nicht. Der große Kuchen auf dem Freiheit steht, und der ist in unserem Land immer noch ordentlich groß, schrumpft dieser Tage gehörig zusammen. Von daher ist es uns allen geraten geduldig und vernünftig drauf zu schauen, daß für jeden ein angemessenes Krümelchen der Freiheit auf dem Teller liegen bleibt. Las kürzlich dazu einen sehr schönen Kommentar in der taz. Den verfaßte ein Ingo Arzt. (Danke fürs Verwursten! Der Säzzer!) Natürlich dachte ich zuerst, in diesen Zeiten der Seltsamkeiten, das ist jetzt ein großer, dummer Witz - Ingo Arzt!!! - aber nein: es ist ein sehr guter Text. Bleiben wir heiter. Schwer genug, aber geht. Schaut man mal nur ein paar Jährchen zurück. Dazu noch ein sinnvoller Text. Auch dafür Dank. Was mich entspannter in die nächsten Wochen sehen lässt: die Herbstferien gehen endlich zu Ende, die Ameisen in den Hintern kommen zum Stillstand und die, die die Reise sich leisten können oder müssen (?), kehren nun heim.

 

(update am 30.10.2020) Da isser wieder, der Lockdown. Und wieder trifft es meine Branche mit voller Wucht. Meine Zweifel an dieser Entscheidung wachsen. Die Theater und Veranstalter und auch das ehrenwerte Publikum in Sachen Kultur sind eher sehr gewissenhaft, was die Corona - Empfehlungen angeht. Regeln sind dies ja nicht wirklich. Regeln sind erst dann Regeln, wenn die Einhaltung der selbigen eingefordert wird. In den Theatern ist das oft der Fall. Woanders eher: na ja. Und da lügt sich unsere auseinanderdriftende Gesellschaft halt ordentlich einen in die Tasche in Sachen solidarischer Vernunft. Tausende Aluköppe demonstrieren maskenfrei, die Staatsmacht läßt sie gewähren, in Bahnen und Bussen blanke Nasen, aber ich darf in einer 300 Menschen fassenden Kirche nicht vor knapp 50 maskierten Leuten, 1,50m auseinander gesetzt, auftreten? Nun gut, man tut, was zu tun ist und versucht vernünftig und umsichtig zu bleiben, jammert nicht rum und kauft sich eine neue Maske. (siehe unten) Und vielleicht aber ist auch diese Position die richtig gedachte! Der Hirnkasten juckt, das Abwägen ist das anstrengende. Der alte Voltaire hat schon recht: "In einer irrsinnigen Welt vernünftig sein zu wollen, ist schon wieder ein Irrsinn für sich!" Man weiß nicht, wo man hindenken oder - fühlen soll. Ist man aber nicht allein damit!

(giessen, den 6.10.2020) Schon vor Jahresfrist, während der nicht unanstrengenden Arbeit an der "Tankstelle  für Verlierer", dachte ich gelegentlich: "Lugerth, mach ein Gundermann - Solo!" Was länger währt und so weiter. Jedenfalls: Das war ein schöner Auftritt am Tag der deutschen Ein  / Zwei oder wie auch immer - heit. Ein sehr zugetanes Auditorium. Ein großartiger Raum, den ich ja schon bei meiner Inszenierung von "Judas" schätzen lernte. Vielen, vielen Dank, Herr Pfarrer Ohl. Und heute eine wunderbar fundierte Besprechung in der Zeitung. Dafür und für die Fotos danke ich von Herzen Herrn Heiner Schultz. Am 16. Oktober und am 6. November werde ich den Abend nochmals in der Pankratiuskapelle zum Besten geben. Die Arbeit jenseits der Strukturen macht viel Freude.

(gießen, den 19. September 2020) Nach einer langen Atempause wird zwar keine Geschichte gemacht, aber es geht voran. In kleinen Schritten. Der Tätigkeitsbericht: Rückkehr in den Beruf Mitte August mit einer Lesung. Dann auf einem kleinen Kunstmarkt eine halbe Stunde lang Gerhard "Gundi" Gundermann gesungen und rezitiert. Anfang dieser Woche gegen kleines Geld im Auftrag der Stadt Gießen ein paar selbstverfasste Lieder eingesungen. So 45 Minuten. Wird im Oktober ins Netz gestellt. Und gestern (50ter Todestag des alle überragenden Jimi Hendrix) bei der Vernissage eines wunderbaren Fotographen, der vor Jahren die Stones auf Tour ablichten durfte, mit dem fabelhaften Kollegen Jörg "JJ" Fischer zwölf Songs der Glimmertwins von der Ladefläche eines Lkw’s runtergesungen. Extrem großer Spaß für alle Beteiligten. Nächsten Sonntag werde ich auf Einladung im besetzten Dannenröder Forst ein bisserl "Ton Steine Scherben" und andere Kampflieder singen. Back to the Roots quasi. Dann noch ein wenig bezahlte Straßenmusik im Auftrag der Stadt und am 3. Oktober in der Gießener Pankratiuskapelle Premiere meines Gundermann – Soloabends: „vieles bleibt so wie es nie werden sollte“. Mit Liedern und Worten nachdenken über die Einheit nach 30 Jahren. Man mag nicht jammern.

 

(update vom 21. september 2020) Alle Fotos die auf dieser Seite in Sachen "Stones in Niederwalgern" irgendwo aufploppen, stammen aus der aufmerksamen Kamera des wunderbaren Clemens Mitscher. Dafür Dank.

 

(update vom 1. oktober 2020) Zum Ausflug in den Dannenröder Forst hat Götz Eisenberg einen guten Artikel geschrieben. Man wird die jungen Mutigen wegräumen. Schlimm genug. Ich brauche diese Autobahn aber nicht.

(gießen, den 22. Juni 2020) So hat nun der Meister sich nachträglich des Nobelpreises würdig erwiesen und am letzten Freitag – am selben Tag landete die mir zugedachte Kulturhilfe auf dem Konto – ein sehr anregendes, klingendes Poem veröffentlicht und zum Kauf feilgeboten. Viel gibt es zu lesen in dieser Sache – Rezensionen, Kommentare, Glückwunschtelegramme, die mich als Zimmermanns Stellvertreter in Mittelhessen erreichen – und diesmal die vielen, vielen Worte Dylans auf der Scheibe (zwei Scheiben sind es eigentlich!), diese Worte, Zitate, Querverweise, welche Türen öffnen zu neuen Denkgängen, Korridoren, Verästelungen besingen, stets einiges an Lebenszeit einfordernd und – wie angenehm – dies suchend, tastend, und wenn plötzlich wissend, gerne dazu bereit die neu festgenagelte Erkenntnis an der nächsten Ecke in die übernächste Mülltonne zu pfeffern. Kann ja noch was am Straßenrand rumstehen, was Deine Sicherheiten schwanken lässt! Es mäandert wundervoll vor sich hin, das mal wütige, meist entspannte Rezital eines friedlich alternden Mannes. Alte Wunden, gewonnene und verlorene Scharmützel, Sackgassen, erlittene und etliche zugefügte Miesigkeiten, das Wissen um die Fehlkonstruktion Homo sapiens klingen mit, ausreichend, aber nicht aufdringlich. Ein große Freude ist’s dem zuzuhören in unserer Besserwisserwelt. Apropos WELT. Da – früher hätte ich noch geschrieben ausgerechnet da – lese ich die Besprechung, welche mir am meisten zusagt. Und selbstredend diese hier. Besser geht es nicht.

PS: Die Mäuse der Kulturhilfe sind da. Daraus erwächst – wie in unserem Hinterhofgarten – ein neuer, echter Gundermann. Soloprogramm wird es werden, weil am Musentempel hier vor Ort mag ich nimmer singen oder den Kulturboden schrubben. Lieber draußen auf der Gass‘. Bleiben wir also weiterhin gelassen. Ich versuche es.

(gießen, den 25. mai 2020) Ohne irgendjemandem nahetreten zu wollen: wenn dies die „größte Katastrophe“ ist, welche das doitsche Land seit dem zweiten Weltkrieg nun zu durchleben hat, dann gehe ich davon aus, daß über neunzig Prozent der Restwelt – und die ist mehr als ein dieser Tage schwer erreichbares Reiseziel – sich eine solche Katastrophe sehnlichst herbeiwünscht. Aber man hat sich hier angewöhnt den Superlativ zum Normalzustand aufzublasen. Finde ich eher anstrengend. Machen wir es kleiner, das Ganze. Die Lage ist gewiß für etliche keine einfache, aber nichts ist selbstverständlich, schon gar nicht fünfundsiebzig Jahre Frieden und Reichtum. (Und dies oft auf Kosten anderer!) Das ist wohl der Systemfehler in den Hirnen. Mein leises Optimisteln der ersten Wochen des maßvollen Einschränkens in Sachen Runterfahren, Nachsinnen und Verzicht, es ist längst einem zweckdienlich realistischen Blick gewichen auf die ewige Unersättlichkeit. Schade! Wie das Theater und die Künste das alles überleben werden – was ganz gewiß geschehen wird – man wird es sehen. Inwieweit ich da noch dabei sein werde, auch dies wird man sehen. Ab dem zweiten Juni – da war doch schon mal was – stellt das Land Hessen im Rahmen eines Hilfspakets bei der KSK versicherten Künstlern auf Antrag einmalig € 2000.- zur Verfügung. Voraussetzung ist das Einreichen einer Idee für ein „Projekt“ oder die Beschreibung desjenigen "P‘s" (ich mochte die Bezeichnung nie), an dem man eben so arbeitet, zu Hause. Das ist doch schon mal was. Und da soll auch nicht gemurrt werden. Und ich wiederhole mich: das Publikum und das leibhaftige Tun und Erleben auf der Bühne oder im Probenraum fehlen mehr als die Kohle. Heimbüro iss nicht. Wir bleiben analog. Zurück zur „Katastrophe“. Es ist erst vorbei, wenn und falls es vorbei ist. Ich hoffe dies geht auch ohne einen nächsten großen Angstauslöser in die nicht gänzlich von Vernunft befreiten Wohlstandshirne. Bleiben wir naiv, Enttäuschungen warten eh an jeder Ecke und danach sieht man wieder etwas klarer. Propheten braucht’s dafür nicht. Las gestern folgendes Gedicht von Mascha Kaleko. Glück auf und Frieden allen, die hier vorbeischauen.

 

Chinesische Legende

 

Hoch auf dem Felsen, abgeschieden

Lebten der Alte und sein Sohn

In stiller Eintracht, wohlzufrieden.

… Da lief den beiden das Pferd davon.

 

Der Nachbar, nach geraumer Frist,

Kam, den Verlust mitzubeklagen.

Da hörte er den Alten fragen:

„Wer weiß, ob dies ein Unglück ist?“

 

Und bald darauf, im nahen Walde

Vernahmen sie des Pferdes Tritt:

Das kam und brachte von der Halde

Ein Rudel wilder Rosse mit.

 

Der Nachbar, schon nach kurzer Frist,

Pries den Gewinn nach Menschenweise.

Da lächelte der Alte leise:

„Wer weiß, ob dies ein Glücksfall ist?“

 

Nun ritt der Sohn die neuen Pferde.

Sie flogen über Stock und Stein,

Ihr Huf berührte kaum die Erde …

Da stürzte er und brach ein Bein.

 

Der Nachbar, nach geraumer Frist,

Kam, um das Leid mit ihm zu tragen.

Da hörte er den Alten fragen:

„Wer weiß, ob dies ein Unglück ist?“

 

Bald dröhnt die Trommel durch die Gassen:

Es ist die Kriegsproklamation.

Ein jeder muß sein Land verlassen.

- Doch nicht des Alten lahmer Sohn.