AKTUELLES

(gießen, den 28. april 2020) War's das? Nach vierzig Jahren Bühnenarbeit in verschiedenen Funktionen zwangsverrentet durch einen Virus? Wollen wir es nicht hoffen! Jedoch gehe ich davon aus, daß ich mich eher auf der Rückseite des Berges befinde. Groß Gipfelphantasien habe ich keine mehr, hatte die außerdem eh noch nie. Die Sache war's, die mir wichtig. Und die Leut'. Jetzt geht es um das pure finanzielle Überleben. Verhungert wird nicht, aber Genosse Schmalhans wird wohl auf den letzten Kilometern der Laufbahn treuer Begleiter bleiben. Ein Nebensatz zur sogenannten und stolz angekündigten Soforthilfe für die „notleidenden Künschtler“: lieb gemeint, aber leider fallen wir Bühnenmenschen bei den Vergabekriterien durch das Sieb. Da Erhalt und Verköstigung unserer Hirne und Körper nicht unter Betriebskosten fallen – so die Verantwortlichen – gehen wir leer aus als sogenannte Soloselbstständige. War nicht anders zu erwarten. Warum sollen plötzlich Menschen davon Ahnung haben, was der Alltag und die ständige Not unseres Gewerbes sind, die selbige Ahnung davor auch nicht hatten, wenn es sie denn überhaupt interessiert hat. (Wenn ich so von meinem durchschnittlichen Stundenlohn erzähle, sehe ich nur heruntergeklappte Kinnladen und dann ist ganz schnell Themenwechsel.) Also: man kann von Glück sagen, wenn man vom Stadttheater als „Freier“ die ein oder andere ausgefallene Vorstellung oder gar Proben (?) bezahlt bekommt. Viel war es bis jetzt auch nicht, aber da soll noch was kommen. Angeblich. Die anderen und privaten Veranstalter ohne große Subventionen müssen froh sein, wenn sie überleben. Da ist nichts zu erwarten. Ansonsten kann ich nur mit Shlomo Herzl täglich vor mich hin und her sagen: „Warten ist die wahre Zeit!Wenn Du was lernst am Theater, dann eben das Warten, aber nicht das in unserer Gesellschaft weitverbreitete laute Einfordern seiner Ansprüche. Da sind wir zu leise. Meist Einzelkämpfer. Oder nur Abnicker. Zeit das Glauben zu lernen jedoch bleibt immer und überall. Auch an Überraschungen. Heute hat es endlich angefangen zu regnen.

(gießen, den 16. märz 2020) Seit dem 6. März hatte ich mich an einen stillen Ort zurückgezogen. Kein Handy, keine E - Mails, kein Radio, kein TV, keine Zeitungen und gesprochen wurde nur das Notwendige. Heute kehre ich in die Welt zurück, die mit der vor zehn Tagen verlassenen wenig zu tun hat. Das was die Vernunft schon lange hätte in die Wege leiten müssen, den Verzicht zu üben, diese Aufgabe übernimmt nun die Furcht. Perverse Pointe oder vielleicht ist die Natur schlauer als die "Krone" (sic) der Schöpfung? Jedenfalls ist dies das erste wirksame Klimapaket seit der Veröffentlichung des Club of Rome im Jahre 1972. Bühne und so auch Geldbeutel bleiben zwar demnächst leer, als selbstständig Schaffender, aber vielleicht üben wir uns solange mal in Solidarität. Glück auf.

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(update vom 27. märz 2020) Der Meister meldet sich zu Wort. Keinen Trost will er spenden, der alte Priester.

(gießen, den 20. februar 2020) Neunzig Prozent aller E – Mails, die man erhält, nerven, sind unnötig. Gut, sagen wir es sind achtundsiebzig Prozent. Um so erfreulicher jede Nachricht, die dich anrührt. Vor jetzt auch schon über sechs Jahren hatte ich in der JVA Butzbach im Rahmen der „legendären“ Kulturgruppe einen Woyzeck inszeniert. Einer der Höhepunkte meines „Schaffens“. Nun leitete mir der damalige Spiritus rector der Veranstaltung ein Bild weiter. Drei nicht unwesentlich Beteiligte trafen sich unlängst. In Freiheit und in Serbien. Der Darsteller des Franz Woyzeck war einer der Drei. Man berichtete mir, er könne den Text immer noch auswendig. Es gibt wohl Begegnungen und Erfahrungen, die bleiben lange wertvoller Bestandteil der eigenen Biographie. Freue mich dabei gewesen zu sein. Siehe hier. Die Genossen sind aus dem Winterschlaf zurück und denken in der Gegend herum.

(gießen, den 14. januar 2020) Nennen wir es mal Gegenbesuch. Hoyerswerda kam zwar nicht bis vor meine Haustüre, aber zumindest bis nach Lich. Statt Gießen. Das war eine schöne Begegnung letzten Sonntag. Kurz, aber voller Inhalt. Im Licher Traumstern lief eine großartige Doku - ich hatte schon die Erstaustrahlung im MDR gesehen - über Gundermann vor sehr gut gefüllten Sitzen. Anschließend eine von der Regisseurin souveränst geführte Fragestunde zu ihrer Arbeit, Gundi, der obligatorischen Stasifrage und dem Osten überhaupt. Und Hinweise auf Gießen und Gundi. Dann hatten wir noch ein bisserl Zeit für übereinstimmende Gedanken. Also: manchmal lesen ja auch Indentanten die Heimatseiten ihrer Mitarbeiter. Idee: unser Theaterabend fährt nach Hoyerswerda. Wir spielen fleißig weiter in Gießen, anschließend dürfen die Zuschauer Grit Lemkes großartigen Film gucken. Oder andersrum. Und justament bemailte mich heute ein Freund mit der Nachricht, er habe nun genug von Herrn Gunderman in und um Gießen. Darf ich gerne verstehen, aber solange am Horizont nicht Neues aufploppt, wird weiter verwurstet und gedacht zum Thema. Der Gundi und vor allem, die von ihm in Gang getretene Nachdenkarbeit in Sachen "Was war das eigentlich mit der DDR, lieber Westwisser?" haben es verdient.

(gießen, den 7. januar 2020) „sag wie soll ich tragen ungerechtigkeit“ nennt sich ein kleiner Gundermann – Nachmittag, zu dem mich der Büchnerclub in Gießen eingeladen hat. Als amtlicher bestallter „Wutkünstler“ fällt mir das meist schwer mit dem Tragen von Ungerechtigkeiten. Ein früher Lehrmeister in der Sache „Dem Unvermeidlichen ins Auge geblickt“ war mir der nun verstorbene Hans Tilkowski. 1966 – noch keine zehn Jahre alt – dürfte ich erstmals bei Bekannten der Eltern abends Fußball gucken. Borussia Dortmund gewann als erste deutsche Mannschaft den Europapokal der Pokalsieger. Schwarzweiß der Apparat, es grieselte über den Bildschirm und in Glasgow war es regnerisch und nebeltrüb, meine Wimpern sackten hinab, aber ich stellte mich wach. Ob ich diese seltsame Bogenlampe des Stan Libuda zum 2 zu 1 wirklich sah, damals? Ich weiß es nicht. Aber da war noch der Mann mit der coolen Kappe, stand auf der Linie seines Tores, guckte, zuckte und lag dann quer in der Luft. Ewig schien es mir, dem müden Bub, konnte der über dem nicht rasenbeheizten schlammigen Boden schweben. Robinsonade nannte man das einst. Der Hans Tilkowski, mein – trotz Siggi und Emma – HELD ward geboren. Ein paar Wochen später – unsere Familie durfte das erste Mal nach 10 Jahren auf Verwandtenbesuch in die DDR  – sah ich ihn wieder. Vor der Reise nahm unser Vater meinen Bruder und mich ins Gebet. Kein schlechtes Wort über Russen, den Kosenamen Iwan tunlichst vermeiden! War gar nicht nötig. Mir gefielen die martialischen Plakate und Wandgemälde mit all den HELDENHAFTEN Bauern und Arbeitern. Drachentöter allenthalben. Dann der Endspieltag im Wembley und wir in Ilmenau. Die erste und zweite Halbzeit klemmten mein Bruder und ich in der Wohnung der Oma vor dem Radiogerät und die Großen saßen unterm Dach bei den Nachbarn mit dem gutem Westfernsehempfang. Haller machte die Führung und dann antworten die Engländer zweimal. Sind wohl einfach besser. Niederlage annehmen. Feuchte Augen. Nach Wolfgang Webers Ausgleich kurz vor Schluß platzte unser euphorisierter Vater ins Zimmer und holte uns – die wir nicht minder in die Höhe hüpften – mit nach oben. Wieder schwere Nebelschwaden, doch diesmal kein britischer Nebel sondern etliche abgebrannte Caros, glimmende Zigarren, Biere und Wodka, die den kleinen Raum undurchsichtig machten. Dichtgedrängte Lebensfreude. Die Verlängerung. Dann der historische Moment. Natürlich nicht hinter der Linie. Der Schweizer traut sich nicht, er fragt den Russen an der Außenlinie und jener entscheidet: „TOR!!!“ Tumulte brechen aus in der Dachwohnung in der Straße des Friedens zu Ilmenau. „Der blinde Drecksiwan!“ „Das ist doch Betrug!“ „So sind se halt, unsere Brüder in Moskau!“ Und so weiter und so fort. Man fordere keine textgetreue Erinnerung. Ich war mir sicher in wenigen Minuten würde eine bewaffnete Kohorte der glorreichen ROTEN ARMEE das Haus stürmen und uns alle mitnehmen. Aber es kam anders. Die vernebelte Bude beruhigte sich, sie tröstete die Kinder, kippte den einen und den anderen nach. „Aber gekämpft ham se!“ Man war trainiert in der Causa Ungerechtigkeit. Mit ziemlich vertränten Augen guckte ich hin wie der HELD Tilkowski und unser aller UNS UWE den Engländern gratulierten. Und das sah in meiner nebeltrüben Erinnerung aufrichtigst aus. Wünschte ich mir das alles gar nur? Nein: es war so.