AKTUELLES

(gießen, den 25. mai 2020) Ohne irgendjemandem nahetreten zu wollen: wenn dies die „größte Katastrophe“ ist, welche das doitsche Land seit dem zweiten Weltkrieg nun zu durchleben hat, dann gehe ich davon aus, daß über neunzig Prozent der Restwelt – und die ist mehr als ein dieser Tage schwer erreichbares Reiseziel – sich eine solche Katastrophe sehnlichst herbeiwünscht. Aber man hat sich hier angewöhnt den Superlativ zum Normalzustand aufzublasen. Finde ich eher anstrengend. Machen wir es kleiner, das Ganze. Die Lage ist gewiß für etliche keine einfache, aber nichts ist selbstverständlich, schon gar nicht fünfundsiebzig Jahre Frieden und Reichtum. (Und dies oft auf Kosten anderer!) Das ist wohl der Systemfehler in den Hirnen. Mein leises Optimisteln der ersten Wochen des maßvollen Einschränkens in Sachen Runterfahren, Nachsinnen und Verzicht, es ist längst einem zweckdienlich realistischen Blick gewichen auf die ewige Unersättlichkeit. Schade! Wie das Theater und die Künste das alles überleben werden – was ganz gewiß geschehen wird – man wird es sehen. Inwieweit ich da noch dabei sein werde, auch dies wird man sehen. Ab dem zweiten Juni – da war doch schon mal was – stellt das Land Hessen im Rahmen eines Hilfspakets bei der KSK versicherten Künstlern auf Antrag einmalig € 2000.- zur Verfügung. Voraussetzung ist das Einreichen einer Idee für ein „Projekt“ oder die Beschreibung desjenigen "P‘s" (ich mochte die Bezeichnung nie), an dem man eben so arbeitet, zu Hause. Das ist doch schon mal was. Und da soll auch nicht gemurrt werden. Und ich wiederhole mich: das Publikum und das leibhaftige Tun und Erleben auf der Bühne oder im Probenraum fehlen mehr als die Kohle. Heimbüro iss nicht. Wir bleiben analog. Zurück zur „Katastrophe“. Es ist erst vorbei, wenn und falls es vorbei ist. Ich hoffe dies geht auch ohne einen nächsten großen Angstauslöser in die nicht gänzlich von Vernunft befreiten Wohlstandshirne. Bleiben wir naiv, Enttäuschungen warten eh an jeder Ecke und danach sieht man wieder etwas klarer. Propheten braucht’s dafür nicht. Las gestern folgendes Gedicht von Mascha Kaleko. Glück auf und Frieden allen, die hier vorbeischauen.

 

Chinesische Legende

 

Hoch auf dem Felsen, abgeschieden

Lebten der Alte und sein Sohn

In stiller Eintracht, wohlzufrieden.

… Da lief den beiden das Pferd davon.

 

Der Nachbar, nach geraumer Frist,

Kam, den Verlust mitzubeklagen.

Da hörte er den Alten fragen:

„Wer weiß, ob dies ein Unglück ist?“

 

Und bald darauf, im nahen Walde

Vernahmen sie des Pferdes Tritt:

Das kam und brachte von der Halde

Ein Rudel wilder Rosse mit.

 

Der Nachbar, schon nach kurzer Frist,

Pries den Gewinn nach Menschenweise.

Da lächelte der Alte leise:

„Wer weiß, ob dies ein Glücksfall ist?“

 

Nun ritt der Sohn die neuen Pferde.

Sie flogen über Stock und Stein,

Ihr Huf berührte kaum die Erde …

Da stürzte er und brach ein Bein.

 

Der Nachbar, nach geraumer Frist,

Kam, um das Leid mit ihm zu tragen.

Da hörte er den Alten fragen:

„Wer weiß, ob dies ein Unglück ist?“

 

Bald dröhnt die Trommel durch die Gassen:

Es ist die Kriegsproklamation.

Ein jeder muß sein Land verlassen.

- Doch nicht des Alten lahmer Sohn.

(gießen, den 28. april 2020) War's das? Nach vierzig Jahren Bühnenarbeit in verschiedenen Funktionen zwangsverrentet durch einen Virus? Wollen wir es nicht hoffen! Jedoch gehe ich davon aus, daß ich mich eher auf der Rückseite des Berges befinde. Groß Gipfelphantasien habe ich keine mehr, hatte die außerdem eh noch nie. Die Sache war's, die mir wichtig. Und die Leut'. Jetzt geht es um das pure finanzielle Überleben. Verhungert wird nicht, aber Genosse Schmalhans wird wohl auf den letzten Kilometern der Laufbahn treuer Begleiter bleiben. Ein Nebensatz zur sogenannten und stolz angekündigten Soforthilfe für die „notleidenden Künschtler“: lieb gemeint, aber leider fallen wir Bühnenmenschen bei den Vergabekriterien durch das Sieb. Da Erhalt und Verköstigung unserer Hirne und Körper nicht unter Betriebskosten fallen – so die Verantwortlichen – gehen wir leer aus als sogenannte Soloselbstständige. War nicht anders zu erwarten. Warum sollen plötzlich Menschen davon Ahnung haben, was der Alltag und die ständige Not unseres Gewerbes sind, die selbige Ahnung davor auch nicht hatten, wenn es sie denn überhaupt interessiert hat. (Wenn ich so von meinem durchschnittlichen Stundenlohn erzähle, sehe ich nur heruntergeklappte Kinnladen und dann ist ganz schnell Themenwechsel.) Also: man kann von Glück sagen, wenn man vom Stadttheater als „Freier“ die ein oder andere ausgefallene Vorstellung oder gar Proben (?) bezahlt bekommt. Viel war es bis jetzt auch nicht, aber da soll noch was kommen. Angeblich. Die anderen und privaten Veranstalter ohne große Subventionen müssen froh sein, wenn sie überleben. Da ist nichts zu erwarten. Ansonsten kann ich nur mit Shlomo Herzl täglich vor mich hin und her sagen: „Warten ist die wahre Zeit!Wenn Du was lernst am Theater, dann eben das Warten, aber nicht das in unserer Gesellschaft weitverbreitete laute Einfordern seiner Ansprüche. Da sind wir zu leise. Meist Einzelkämpfer. Oder nur Abnicker. Zeit das Glauben zu lernen jedoch bleibt immer und überall. Auch an Überraschungen. Heute hat es endlich angefangen zu regnen.

(gießen, den 16. märz 2020) Seit dem 6. März hatte ich mich an einen stillen Ort zurückgezogen. Kein Handy, keine E - Mails, kein Radio, kein TV, keine Zeitungen und gesprochen wurde nur das Notwendige. Heute kehre ich in die Welt zurück, die mit der vor zehn Tagen verlassenen wenig zu tun hat. Das was die Vernunft schon lange hätte in die Wege leiten müssen, den Verzicht zu üben, diese Aufgabe übernimmt nun die Furcht. Perverse Pointe oder vielleicht ist die Natur schlauer als die "Krone" (sic) der Schöpfung? Jedenfalls ist dies das erste wirksame Klimapaket seit der Veröffentlichung des Club of Rome im Jahre 1972. Bühne und so auch Geldbeutel bleiben zwar demnächst leer, als selbstständig Schaffender, aber vielleicht üben wir uns solange mal in Solidarität. Glück auf.

.....

(update vom 27. märz 2020) Der Meister meldet sich zu Wort. Keinen Trost will er spenden, der alte Priester.

(gießen, den 20. februar 2020) Neunzig Prozent aller E – Mails, die man erhält, nerven, sind unnötig. Gut, sagen wir es sind achtundsiebzig Prozent. Um so erfreulicher jede Nachricht, die dich anrührt. Vor jetzt auch schon über sechs Jahren hatte ich in der JVA Butzbach im Rahmen der „legendären“ Kulturgruppe einen Woyzeck inszeniert. Einer der Höhepunkte meines „Schaffens“. Nun leitete mir der damalige Spiritus rector der Veranstaltung ein Bild weiter. Drei nicht unwesentlich Beteiligte trafen sich unlängst. In Freiheit und in Serbien. Der Darsteller des Franz Woyzeck war einer der Drei. Man berichtete mir, er könne den Text immer noch auswendig. Es gibt wohl Begegnungen und Erfahrungen, die bleiben lange wertvoller Bestandteil der eigenen Biographie. Freue mich dabei gewesen zu sein. Siehe hier. Die Genossen sind aus dem Winterschlaf zurück und denken in der Gegend herum.

(gießen, den 14. januar 2020) Nennen wir es mal Gegenbesuch. Hoyerswerda kam zwar nicht bis vor meine Haustüre, aber zumindest bis nach Lich. Statt Gießen. Das war eine schöne Begegnung letzten Sonntag. Kurz, aber voller Inhalt. Im Licher Traumstern lief eine großartige Doku - ich hatte schon die Erstaustrahlung im MDR gesehen - über Gundermann vor sehr gut gefüllten Sitzen. Anschließend eine von der Regisseurin souveränst geführte Fragestunde zu ihrer Arbeit, Gundi, der obligatorischen Stasifrage und dem Osten überhaupt. Und Hinweise auf Gießen und Gundi. Dann hatten wir noch ein bisserl Zeit für übereinstimmende Gedanken. Also: manchmal lesen ja auch Indentanten die Heimatseiten ihrer Mitarbeiter. Idee: unser Theaterabend fährt nach Hoyerswerda. Wir spielen fleißig weiter in Gießen, anschließend dürfen die Zuschauer Grit Lemkes großartigen Film gucken. Oder andersrum. Und justament bemailte mich heute ein Freund mit der Nachricht, er habe nun genug von Herrn Gunderman in und um Gießen. Darf ich gerne verstehen, aber solange am Horizont nicht Neues aufploppt, wird weiter verwurstet und gedacht zum Thema. Der Gundi und vor allem, die von ihm in Gang getretene Nachdenkarbeit in Sachen "Was war das eigentlich mit der DDR, lieber Westwisser?" haben es verdient.