AKTUELLES

(gießen, den  28. januar 2018) Im späten Januar 1978 kostete ein Gramm schwarzer Afghane 2,50 DM (bald sollten die Sowjets die Preise verderben), in Emden lief der letzte in Deutschland zusammengeschraubte Käfer vom Band, die DDR verweigerte dem Kanzler in Lauerstellung H. Kohl die Einreise, der Spiegel titelte mit einer Reportage über den Punkrock ("Kultur aus den Slums: brutal und häßlich"), auf der Bestsellerliste des Magazins thronte der Grass'sche Butt ganz oben, die Hitparade führte an Paulchen Mc Cartney mit "Mull of Kintyre" (er sollte erst Ende März des Jahres von den Schlümpfen des Vadder A. abgelöst werden), das Wort des Jahres war die konspirative Wohnung, in Berlin kamen statt der erwarteten 3000 über 20000 Freaks und Spontis zum TUNIX - Kongreß zusammen und versuchten sich den Deutschen Herbst aus den Kleidern zu bürsten (erfolgreich muß ich sagen), der 1. FC Köln war Herbstmeister und hielt das bis zum Sommer durch trotz Heynckes gegen den BVB (Kölle blievt drinne!), das Tor des Monats schoß ein Müller (der wahre Müller krauchte auf Platz 12 rum, oh was herrliche Zeiten!), in Villingen - Schwenningen sprang Martin Schmitt in die Welt, in Konstanz trug sich Anneliese Rothenberger in das Goldene Buch der Stadt ein und oben auf dem Gießberg stand ich (damals noch als Student der Geschichte und Politik) das erstemal auf einer Bühne. Ich war Luigi (!), ein Anarchist. 40 (in Worten: vierzig) Jahre später also: Ich mache es immer noch. Ich mein: Theater. Man nennt das wohl ein rundes Bühnenjubiläum.

(gießen, den 28. dezember 2017) Standing Ovations am Ende unseres hundertzehnminütigen Weihnachts - Gig im rappelvollen taT. (Foto oben: Soundcheck ohne Klavier) Das war ein großartiger Abschluß eines rappelvollen Jahres. Kiel. Gießen. Kiel. Bielefeld. Gießen. Sovetsk. Freiburg. Gießen. Hildesheim. Gießen. Viereinhalb Inszenierungen, viereinhalb Wiederaufnahmen, ein Stückvertrag als Schauspieler, eine Reise im Rahmen eines Kulturaustauschs nach Rußland, diverse Lesungen und - Insel der Seligkeit - die Band, die dieses Jahr so richtig dabei war und weiter wächst und gedeiht. Bemerkung zur halben Inszenierung: man hatte mich davor gewarnt in einer Stadt zu arbeiten, die es nicht gibt. "Schlurp" rief das Schwarze Loch und weg war sie, die Inszenierung. Gut so. Viel gelernt. Zur halben Wiederaufnahme: in Freiburg hatte die Theaterleitung beschlossen mit neuem Humorblick auf den Loriotabend zu schauen. War ich nur halb erfreut anfangs. Ein Gott sei Dank später. Hätte sonst nicht die Zeit gehabt den "Judas" zu realisieren. Wäre ein großer Verlust gewesen. So bin ich dankbar für dieses toughe Jahr mit etlichen Höhenflügen und einigen fiesen Abstürzen. Und: sehr, sehr glücklich an meiner Seite einen Menschen zu wissen, der mich so begleitet, wie er das tut. Nichtsdestotrotz bin ich froh, daß sich das nächste Jahr erstmal entschieden ruhiger anlässt. Jetzt fahren wir für ein paar Tage an den Bodensee. La Famiglia! Allen die hier vorbeischauen wünsche ich einen Guten Rutsch und ein gesundes + friedfertiges Neues Jahr!

(gießen, den 19. dezember 2017) Geschafft! Die letzte "englische" Woche war eine große Freude in jeglicher Hinsicht. Der Auftritt mit Sascha Gutzeit im rappelvollen Ulenspiegel zu Gießen war ein anarchistischer Zwei - Stunden - Ritt, den wir vormittags in einer zweistündigen Probe zusammengeschraubt hatten. Der Rest entstand auf der Bühne. "Ironie und Wahnsinn gehen an diesem Abend Hand in Hand. Es ist ein großer Spaß." Das sprach die Presse. Gerne wieder, Herr Gutzeit! Der Freitag begann gut. Auf der Titelseite der SZ beschäftigte sich das "Das Streiflicht" anläßlich des dämlich - liberalen "Dieseljudas" mit der historischen Figur. Die Republik war also vorbereitet. Danke! Der Premierenabend dann hinterließ mich - und da war ich nicht alleine - in einem Zustand tiefer Zufriedenheit. Knappe drei Wochen und ein wunderbares Ergebnis. Dank allen Beteiligten und Sonderlob für die "Textmaschine" Pascal. Die Kritiken kann man hier nachlesen und - etwas gekürzt - auf dieser Seite. Am Samstag dann hat die Band mit dem unermüdlichen Christian Keul, der seit Ende September an meiner Seite komponierte, orgelte und rockte, das taT bestens unterhalten. Wir werden es wieder tun. Ihr Kinderlein kommet!

(gießen, den 8. dezember 2017) Das Arbeitsjahr und meine Kräfte stolpern aufs Ende zu, aber das Gestade des angesteuerten Eilands namens einstweilige Ruhe ist in Sicht, auf dem steilen Weg dahin wartet jedoch noch eine richtig pralle englische Woche. Ab Montag die Endproben Judas. Mittwochs nach der Generalprobe eine kleine musikalische Lesung mit einem Kollegen, mit dem ich schon länger mal auf der Bühne sitzen wollte. Freitags die Premiere. Samstags die Band. Und an Sonntagen kann man den Clown betrachten. Dann iss aber auch gut. Und ein Kostüm aus Hildesheim wurde am 8.12. in den Adventskalender der nachtkritik geklebt. Sehr schön das alles.

PS: Nächstes Jahr werde ich vom Theater etwas Abstand nehmen. Viele Bundesligatrainerposten in Griffweite.

(hildesheim, den 19. november 2017) In meinem Alter muß man sich ohne pathetisches Getwitter daran gewöhnen, daß sich die Helden des jugendlichen Plattenschrankes zur Ruhe legen. Der, welcher gestern ging, ist meiner Ansicht nach einer der ganz ganz Großen und das hat viel mit Theater zu tun. Heute las ich in der WELT über den Verstorbenen: "Wenn man Malcolm Young mit einem Metronom in den Keller sperrt, kommt nach einer Stunde das Metronom raus und sagt: ich kann nicht mehr." Ende September 1977 sah ich AC / DC auf ihrer ersten Deutschlandtour in der nicht mehr vorhandenen Scheffelhalle in Singen. Eine Erweckung. Zu der Zeit lief in unserer "Zehn Jahre zu spät aber dennoch konsequent gelebt Post Hippie Kommune M8a zu Konstanz" vornehmlich bekiffte Pseudointelligenzmucke wie Yes / Gong / Van der Graf Generator / Mahavishnu Orchestra / early Genesis / Todd Rundgren / Chick Corea und das ganze damals übliche Fusiongezappel. 60 Noten in 30 Sekunden und ach sind wir alle vom Witz und mit Ironie gesegnet. Und dann sehe ich die nach Australien ausgewanderten und wieder nach England heimgekehrten Prollrocker, mein Unterkiefer klappt nach unten weg und ich bin glücklich. Meine damalige liebe Hippiefreundin verweigerte nach meiner euphorisch trunkenen und leider nicht bekifften Heimkehr über gute drei Wochen jeglichen engeren Kontakt mit mir. Was das mit Theater zu tun hat? AC / DC ist Reduktion. Die Rückkehr zum Kern der Geschichte, die es zu erzählen gilt. Der große Bruder Malcolm hält den Laden zusammen, lässt Angus über die Bühne toben, klagt nicht und bleibt präzise. Siehe Witz oben. Das bewundere ich. Weniger bleibt immer soviel mehr, wenn man die Sache liebt und ein bisserl weniger sich selbst. Der Höhepunkt des Gigs zu Singen: Irgendwann wurde Angus von einem Roadie auf den Schulter durch das Publikum getragen und exekutierte das Solo von "High Voltage" und da war kein Kabel an der Stromgitarre. Meister Yogi, der damals in der legendären Konstanzer Band "Baba Yaga" die Doppelhalsgitarre malträtierte (es war fürcherlich, aber wir bewunderten ihn alle!), flüsterte mir zu, als ich ihn ratlos anblickte: "Des isch des Neuschste us Amerika, des isch ä Funkgitarre! Die braucht kein Kabel!" Kurz danach wurde die Scheffelhalle abgerissen. Jetzt steht da ein Ding namens Lidl oder Penny oder Netto. Das Billige ist der Tod der Präzision und Disziplin tut not. Zurück zum Theater und der Einfachheit. Der nächste LahnDylanKreis - Gig eröffnet vielleicht so.