AKTUELLES

(gießen, den 28. juni 2018) Zwei großartige Wochen in der Mani, einem Teil Griechenlands, der mir bislang vollkommen unbekannt war. Großes Glück! Ständiger Begleiter (außer der Liebsten selbstredend) ein Buch über den südlichen Peloponnes des mir ebenso unbekannten Patrick Leigh Fermor, der bis zu seinem Tod in dem Ort wohnte, wo wir Unterkunft hatten. Große Entdeckung! Ich zitiere:

"Wenn man sich als Reisender an eines der gestürzten Kapitelle lehnt und die Stunden verstreichen läßt, verschwinden alle Ängste und quälenden Gedanken, und nach und nach wird der Geist wie ein Gefäß, das man geleert und ausgescheuert hat, angefüllt mit einer stillen Ekstase. Fast alles, was geschehen ist, schwindet in einem Reich der Schatten und des Trivialen und mühelos tritt an dessen Stelle etwas Strahlendes, Einfaches, Ruhiges, das alle Knoten löst und alle Rätsel aufklärt und uns gütig und ohne alles Drängen zuzuflüstern scheint, daß das ganze Leben, wenn man ihm nur eine Chance dazu gäbe, ohne Zwang, ohne Behinderung, ohne die Quälereien des Verstands unendlich glücklich sein könnte."

Ja, so war es da unten. Und ich hatte die große Freude den Beginn vom Untergang des "Unternehmen Großkotz" (früher mal Fußball genannt) in einer griechischen Bar miterleben zu können. Neben mir ein lokaler Mexikofan und als wenige Minuten nachdem die anderen Deutschen vor Ort bei der Hymne aufgestanden waren und applaudiert hatten - selten so fremdgeschämt - das Tor fiel und kurz danach wegen eines Unwetters der Strom ausfiel und die entgeisterten Landsleute auf den leeren Bildschirm starrten, hatten wir zwei uns schon arg gefreut. Als nach einiger Zeit die Glotze wieder lief, kam die Wirtin und bat uns um Entschuldigung, denn man müsse jetzt leider umschalten, da auf einem anderen Sender Basketball liefe. Hellas first! Großartig! Darauf 'nen Ouzo! Oder gar zwei?

(gießen, den 5. juni 2018) Der Maulwurf war dann doch kurz oben und atmete tief durch. Licht! Luft! Labsal! Letzte Woche am Mittwoch zwei vorläufige Endprobendurchläufe, mit denen ich und auch die Abteilungen, die Mimen und die Leitung (Gott sei Dank!) ziemlich zufrieden waren, unerwartet, punktgelandet, mit heißester Nadel gestrickt (der Ausnahmezustand pegelt sich als Norm ein, nicht nur, aber leider auch an den Theatern!) und den einen kleinen entscheidenden Schritt war das Ding sogar jenseits der Vorlage. Siehe letzter Eintrag. Höhepunkt der Abend zuvor, als während eines Ablaufes ein prächtiges Unwetter über Gießen niedertobte und mit unfaßbarer Lautstärke Hagelkörner durch die Lüftungsklappen ins Bühnenhaus drückte und die fielen freudig auf die Bühne runter. Das war was für die Autobiographie und eine ungeplante, aber wirksame Teambuildingmaßnahme. Anschließend lief das Untergeschoß feucht. Wahrscheinlich sitzen wir alle der Illusion auf, zu viel Druck im Kessel könne man mal so umleiten. Fürchte, dies ist ein Irrtum. Den hohen Druck lässt nur das Ventil namens Innehalten raus. Morgen eine Konzeptionsbauprobenbesprechungskonferenz. Diesen Tag noch weiter, weiter. Dann isses gut.

(gießen, den 18. mai 2018) Stand gestern abend seit langer Zeit mal wieder bei RIO auf der Seitenbühne und / oder oben beim Mischpult. Sie tun es immer noch und bald in vierter Spielzeit. Nach der Premiere im März 2016 sagte ich im Scherz zu meiner Liebsten, einer jener von mir meist sehr ernst gedachten Scherze, daß dies nun eigentlich der rechte Moment sei um aufzuhören. Denke immer noch: wäre keine schlechte Entscheidung gewesen. Doch dann packt mich wieder der Spaß an der Freud` am Schlafittchen. Und zack! So auch dieser Tage. Nach langem und ausgiebigem Hadern – ohne kann ich wohl nicht – gehe ich eben täglich gut gelaunt anne Arbeit und freue mich an den Mimen und allen anderen, mit denen ich das „Familienstück zur mittelhessischen Weihnachtszeit“… äh…  Märchen versuche auf die Bühne zu setzen. „Jupp – Ein Maulwurf auf dem Weg nach oben“. So kann der andere Jupp endlich und endgültig in Rente. Arbeit Teil zwei: im Herbst eine Aufgabe, auf die ich mich sehr freue. David Foster Wallace’ „Kurze Interviews mit fiesen Männern“ in eigener Fassung im Studio. Noch mal Gießen. Premiere Anfang / Mitte November. Anschließend Freiburg, wie schon berichtet, aber noch: Psst! Vorfreude trotzdem auch da. Die ganz große Vorfreude aber: im Juni Urlaub bei den Hellenen. Unten am Zipfele.

(gießen, den 11. april 2018)

 

Vor fünfzig Jahren: Drei Kugeln auf Rudi Dutschke oder meine erste revolutionäre Ohrfeige.

 

Garfrescha, ein idyllisches Hüttendorf im Montafon, auf 1500 Meter Höhe gelegen, aus der Welt, damals nur zu Fuß erreichbar (der erste Lift da hoch wurde 1969 gebaut), doch nicht so aus der Welt gefallen, als daß auf der sonnenüberflutetenen Terasse vor der Skihütte die osterurlaubenden Skiwanderer, so auch unsere Familie, in rotkarierten Hemden und Keilhosen, mit wollenen Stirnbändern und etwas überdimensionierten Sonnenbrillen verkleidet, nicht die Ereignisse jenes Gründonnerstag zum Gesprächsthema erkoren hätten. Die Bergfrühjahrssonne, das ein oder andere Viertele plus Enziane, die schwer im Magen liegenden Kasspatzn und die generelle Empörung über das Studentenpack hatten so manches Gesicht gerötet, als einem 12 jährigen Bub, der dem Diskurs lauschend außen blaß und innen rot geworden war, eine Anmerkung aus dem Mund fiel: "Und wenn die Studenten vielleicht recht haben?" So fing ich meine erste revolutionäre Ohrfeige ein. Das von meinem leider schon verstorbenen Vater damals angewandte "Erziehungsmittel" schadete nicht, es war Ermutigung weiterhin "unangebrachte" Anmerkungen aus dem Mund fallen zu lassen und dies nicht nur im Urlaub. Womit wir bei der Arbeit sind. Die Pause hat gut getan. Seit ein paar Tagen geht es wieder weiter. Das Weihnachtsstück - geprobt wird im Mai! - hier in Gießen, dann was Literarisches im Herbst im Gießener Studio und im Winter wieder Freiburg. Soweit, so gut. Titel? Nach den offiziellen Verkündigungen. Dann fällt mir wieder eine Anmerkung aus den Tasten.

(gießen, den  28. januar 2018) Im späten Januar 1978 kostete ein Gramm schwarzer Afghane 2,50 DM (bald sollten die Sowjets die Preise verderben), in Emden lief der letzte in Deutschland zusammengeschraubte Käfer vom Band, die DDR verweigerte dem Kanzler in Lauerstellung H. Kohl die Einreise, der Spiegel titelte mit einer Reportage über den Punkrock ("Kultur aus den Slums: brutal und häßlich"), auf der Bestsellerliste des Magazins thronte der Grass'sche Butt ganz oben, die Hitparade führte an Paulchen Mc Cartney mit "Mull of Kintyre" (er sollte erst Ende März des Jahres von den Schlümpfen des Vadder A. abgelöst werden), das Wort des Jahres war die konspirative Wohnung, in Berlin kamen statt der erwarteten 3000 über 20000 Freaks und Spontis zum TUNIX - Kongreß zusammen und versuchten sich den Deutschen Herbst aus den Kleidern zu bürsten (erfolgreich muß ich sagen), der 1. FC Köln war Herbstmeister und hielt das bis zum Sommer durch trotz Heynckes gegen den BVB (Kölle blievt drinne!), das Tor des Monats schoß ein Müller (der wahre Müller krauchte auf Platz 12 rum, oh was herrliche Zeiten!), in Villingen - Schwenningen sprang Martin Schmitt in die Welt, in Konstanz trug sich Anneliese Rothenberger in das Goldene Buch der Stadt ein und oben auf dem Gießberg stand ich (damals noch als Student der Geschichte und Politik) das erstemal auf einer Bühne. Ich war Luigi (!), ein Anarchist. 40 (in Worten: vierzig) Jahre später also: Ich mache es immer noch. Ich mein: Theater. Man nennt das wohl ein rundes Bühnenjubiläum.