AKTUELLES

(gießen, den 2. oktober 2019) In Kiel fühle ich mich sehr wohl. Wind, Weite, Wasser, Fischbrötchen und ein hoher Himmel. Diesmal war es besonders entspannt. Zwei immens gut vorbereitete Schauspielerinnen (Ich wiederhole mich: ein Hoch auf reine Frauenproduktionen! Es eitelt entschieden weniger und wenn dann tut's der Übungsleiter!), in den freien Stunden mit dem holländischen Leihfahrrad die Förde hoch und runter gepeest, eine erfreuliche Premiere, sehr freundliche Kritik (Regiegröße! Uff! Siehe vorne: Eitelkeit!) und der gute alte Theaterdirektor Dentler ist ein goldenes Schwabenherz. Da brauche ich ein paar Tage die doch recht enge mittelhessische Gernegroßstadt Gießen, die damit rumkokettiert nicht am Meer zu liegen, wieder ins Herz zu schließen. Denke aber Gerhard Gundermanns Lieder und Worte und der aus der Fußballbundeshauptstadt Freiburg (Keller! Streich! Löw!) anreisende Genosse Kapellmeister Bendiks werden mir dabei behilflich sein. Nun: Glück auf!!!!

 

(kiel, den 3. september 2019) Ich hatte mir ja immer gewünscht mal im Sommer in Kiel zu arbeiten, jedoch als ich vorletzten Sonntag aus dem Zug stieg, mir schwüle dreiunddreissig Grad entgegensprangen, kein Lüftchen sich regte und dies eine ganze Woche lang, na ja! Seit heute wieder das Kiel, welches ich kenne: Regen, der quer in der Luft liegt, umgedrehter Regenschirm und so siebzehn Grad unter jagenden Wolken. Ich mag es so schon gerne. Verzeihet mir, you Partypeople! Es arbeitet sich besser und das macht gerade Freude, auch wenn ich Tag für Tag auf der Probebühne auf ein frisch aufgeschüttetes Grab blicke und zwei Menschen sich darüber in die Haare geraten, wer sie nun gewesen sei, die Verstorbene. Letzten Freitag war ich kurz in Berlin auf einer bewegenden und würdevollen Trauerfeier. Bergrun Richter, diese wundervolle Frau, die ich kennenlernen durfte und über die und ihren Mann ich vor ein paar Jahren in Gießen ein - vom Theater leider etwas stiefmüttlich behandeltes - Stück collagiert hatte, wurde zu Grabe getragen. Und siehe, die verschiedenen Redebeiträge - die Familie hatte mich gebeten einen Trauertext von Heino Falcke zu verlesen - zeigten auch durchaus divergierende Facetten von Bergrun und mir schien, so erst wurde sie zu dem einen Mensch. So oder so. Und den Schlußpunkt setzte sie selbst: mit diesem letzten Lied. Einiges gelernt für meine Arbeit hier am offenen Grab. Wer mich kennt weiß wie ich solche Koinzidenzien mag. Und dann war der Heino Falcke auch noch einer, der die DDR nicht verlassen wollte, bevor sie nicht eine "bessere" geworden. Man muß es versuchen. Und so grüßte auch Gundi.

(gießen, den 23. august 2019) Der Gundi - Text ist so weit fertig und in seiner Vorläufigkeit im Theater eingereicht und wird nun weitergeleitet an die Beteiligten. Erleichterung. Der Bühnenbildner hat im Sommer eine Stunde Berlin / Alexanderplatz in seinen Reiseplan eingebaut und die Weltzeituhr von allen Seiten abfotographiert. Stunde um Stunde. "Großartiger Farbverlauf!", sagte er. Warum er das tat? Später mehr. Der Gitarrenmann im Vordergrund war wohl ein Pole und sang Bruuuce. Auch nicht schlecht. Die Bauprobe inklusive Soundprobe letzten Montag machte Vorfreude auf das Herzensprojekt. Jetzt erst mal Pause in Sachen DDR. Morgen hoch nach Kiel und nächste Woche für ein paar Stunden in die Hauptstadt. Wieder ruft der Osten. Ehrenvolle Aufgabe. Auch davon später. Froh endlich nicht mehr am Schreibtisch hocken zu müssen und wieder arbeiten zu können nach Dienstplänen und nicht per selbstverordneter Disziplin. Klappt eh kaum. Wie sagte einst ein alter Konstanzer Schulkamerad, der einzige aus unserer Klasse, der auch am Theater landete: "Selbstständig? Also frei vom Beruf? Arbeitslose Hungerleider mit gelegentlichen Höhepunkten!" Ganz so unrecht hatte er nicht.

(gießen, den 15. juli 2019) Sehr anregende kleine Dienstreise. Erst der Meister in Mainz. Nach den letzten beiden Konzerten, die ich sah (Esch sur Alzette 2013 / Frankfurt 2017) hatte ich schon erhebliche Zweifel, ob ich mir das nochmal anschauen mag live und in Farbe. Doch unlängst fiel mir ein Mitschnitt der diesjährigen Europatour vor die digitalen Füße und machte mich neugierig und, ja, es hat sich gelohnt. Dylan ist immer wieder für eine Überraschung gut. So auch gestern in Kilkenny. Zwei rastlose heilige alte Geister. Dann die letzte Woche in Hoywoy. Etliche Gespräche, Begegnungen, Erlebnisse, die mir noch einige Lichtlein in Sachen Gundermann aufgehen ließen. Herzlichen Dank an Uwe Proksch und Reinhard "Pfeffi" Ständer für Einblicke und Tipps. Und für die 'Schaltzentrale'. Ansonsten drehte ich mit dem Fahrrad meine Runden, klapperte die Schulen, die ehemaligen Wohnungen des Gundermann ab und schwamm in gefluteten Gruben, besuchte einen aktiven Tagebau, sammelte hier und guckte hin und da, schrammelte Gundis Lieder vor Ort, freute mich in der Brigitte Reimann Begegnungsstätte über beste Betreuung, lernte viel über die Entstehung der Neustadt Hoyerswerda und war stets hin und hergerissen zwischen großer Freude und heftiger Melancholie. Plus Wut. Es ist nun mal und bleibt ein anderes Land und dem Großteil des Westens ist der Osten im Prinzip scheißegal. Jetzt ran an die Buletten!

 

Weshalb eine Woche nach Hoyerswerda fahren? Wurde ich gefragt. Mit diesem leicht konsternierten (West) - Blick. Als plante ich mit Krokodilen um die Wette zu schwimmen und an Glatzen Perücken zu verkaufen. Heute antwortete in der FR Norbert Abels, scheidender Chefdramaturg der Frankfurter Oper, für mich: "Der inzestuöse Theatertunnelblick, der die Welt außerhalb der Bühne aus seiner hermeneutischen Weckglasperspektive negiert, ist leider ein weitverbreitetes Phänomen." Weckglasperspektive!! Allein diese Wortschöpfung! Ganz wunderbar!

 

Und: ich hatte zwei Begleiter in Sachsen und Brandenburg. Die Genossen haben hingeschaut und auch gesehen.

(gießen, den 12. juni 2019) "Geh bitte, lob er die Panad` nie vurm Schnitzel!" So sprach der große Nestroy. Oder war es doch der Lafer? Jedoch: letzte Woche war ich unten in Freiburg um mit „Genosse Kapellmeister“ Sascha Bendiks unseren Gundermann – Abend in seinen Grundzügen zusammenzubasteln. Davor trafen wir Heiner Kondschak, den ersten und wahren Gundi – Botschafter SUEDWESTZONE. Das war erfrischend und erhellend da unten in Tübingen, Reutlingen, Ofterdingen. (Und viele – gute – Erinnerungen au no.) Gestern traf sich zu Gießen – nach offizieller Verkündigung der Besetzung – ein erstes Mal das Team zu einer kleinen Session. Viel Freude, zum einen weil auf jeder Position meine absolute Wunschbesetzung musizierte und sang und zum anderen, weil einiges an Möglichkeiten zu hören war. In jeder Hinsicht. (Kann was werden oder wird alles ganz anders.) Anfang Oktober geht es richtig los, Premiere dann Mitte November. August und September verbringe ich in Kiel. Im Sommer an der Förde arbeiten. Die letzten Jahre ließ ich mir meist im Januar und Februar den kaltfeuchten Wind um die Mütze blasen. Jetzt ein paar Tage in den Harz, einen wichtigen Geburtstag feiern und im Juli nach HOYWOY, um im Schatten der Platten (Foto) den Gundi – Abend zu Ende zu schreiben. Hoimat aber au!