AKTUELLES

(gießen, den 17. november 2019) Seit gestern sehe ich mich in der Lage mir zu freuen. Auf der Premierenfeier saß ich noch rum wie ein Stück Braunkohle. Findlinge fielen mir zwar vom Herzen ab, aber die Freude lag weiter unter einer dicken Abraumhalde namens Erschöpfung begraben. Alles in allem: Es hat funktioniert. Wir vier haben es gemeinsam über die Ziellinie getragen. Und das gut! Auf der Bühne und neben und hinter der Bühne - irgendwann mußte ich den Regisseur Lugerth nach Hause schicken, damit der Schauspieler und Teilzeitmusikus Lugerth zu seinem Recht kommt - haben die taT - Technik unter der gewissenhaften Leitung einer großartigen Assistentin und einer sehr zugewandten Dramaturgin das Ding zusammengehalten. Und ich habe es geschätzt kritisiert zu werden! (Großartig die wunderbare Theresa: "Ah, Christian, hast Du mal wieder in den Text geschaut?") Wann auch? Vier bis fünf Funktionen in einer Produktion: schon ordentlich. Auch ohne nerviges Drumherum. Ein herzliches Publikum, der beste Freund angereist aus Nemmberch, einiges an "Gießener Adel", Wodka noch in der Küche spätnachts und gestern gute Presse. Mal vom offeneren Osten hinschauend, mal vom etwas scheuverklappten Westen her. Der Vorverkauf läuft flott an. Abschiede klopfen an die Türen. Davon später.

(gießen, den 11.11. 2019) Werd ich des jemals schaffe ein Regisseur zu si wie der Streich ein Trainer isch? Selles sagt der einfach so, nachdem er am Bodde liegt: "Ich hab ihn gsehe, er isch halt ein emotionaler und wilder Spieler. Ich kenne ihn von seiner Zeit in Basel, des isch net weit von uns weg, da habe ich ihn oft gsehe. Dann kommt er also, aber er kam so schnell. Der Ball isch an mir vorbeigrollt und dann hat er mich, bumm, über de' Hufe grannt. Dann sind leider natürlich alle Spieler aufgesprunge, aber ich bin sofort wieder hoch, weil ich ja keinen Bock auf des ganze Theater hab'. David isch danach au zu mir komme, er hat sich entschuldigt. Er sagte: 'Ich hab gedacht, du bisch ein bissle stabiler.' Aber er isch ein junger Büffel und ich bin 54. Das darf er natürlich net mache, ich komm' ja gar nimme weg bei dem Tempo. Des isch natürlich scheiße. Au' für Frankfurt. Er isch wild, alle von Frankfurt sind wild. Aber wenn se net so wild wäre, dann hätte se au net so viel Erfolg. Ich hab viele persönliche Schwächen. Aber eine Schwäche, die ich net hab, isch, dass ich nachtragend bin. Die Sache isch erledigt. Thema erledigt. Weiter geht's, zum Fußball gehören halt au' Emotionen. Ich bin scho so lang aufm Kickplatz, so isch der Fußball au'. Aber es isch alles gut, des isch keine Story wert. Ich hab wirklich keinen Bock auf des ganze Zeug. Es isch alles gut, die Schulter hat gehalte, ich bin ja au' stabil, ich dehne mich ja immer. Wenn mich einer umhaut, isch es net glei gesagt, daß ich sofort verletzt bin. Ich weiß net, wie es am Montag isch, vielleicht hab ich ja ein Schleudertrauma. Aber fertig, Fußball, ab. Thema erledigt, in Ruhe lassen." Ich lieg au grad am Bodde rum. Heilandzack. Und Bock uff des ganze Theater hann i au nit me, isch aber au gut, etz mach ich erscht mal Premiere. Die Sache isch erledigt. Und die Schwäche vom Streich wege dere Nachgetragerei, die henn i au net.

(gießen, den 31. oktober 2019) Wir ziehen um mit Gundermanns Tankstelle für Verlierer. Die Probebühne hat ausgedient. Gelegentlich sieht man sich dort noch zum Rumniedeln, aber der Fokus geht in Richtung "Jetzt machen wir mal ernst!" Hoffentlich nicht, sage ich. Gerne ein Problem, wenn Schauspieler - mich eingeschlossen - auf der Theaterbühne musizieren. Mögen wir Fehler machen rund um die Instrumente und dabei die Worte - sind so einige - nicht vergessen. Zu dienen haben wir der Geschichte, welche wir erzählen wollen, genauso wie Gundermanns Musik letztlich nur seinen wunderbaren Texten dient. (Weia! Eigenes Thema: Das Dienen. Wäre ein neues Stück wert!) Wenn befreundete Musiker - viele werden da sein - freundlich und milde lächelnd mit dem Kopf nicken, sollten wir uns freuen. Den Rest müssen wir erzählen, auch wenn wir statt E7%9minus§Moll/offen einfach nur einen simplen E - Dur Akkord (erster Bund!!!) greifen. Desweiteren war die Produktion bis jetzt ein wilder Ritt, weil - man mag es eigentlich nicht glauben - eine gewisse Dosis Renitenz eigentlich Privileg des Untertanen ist, diese Gangart jedoch bis an die Grenze latenter Absurdität von der Intendanz kultiviert wurde. Seit letzten Montag ist Ruhe eingekehrt. Ihr Musen, gewährt uns diese gnädigst bis zur Premiere. 

(gießen, den 2. oktober 2019) In Kiel fühle ich mich sehr wohl. Wind, Weite, Wasser, Fischbrötchen und ein hoher Himmel. Diesmal war es besonders entspannt. Zwei immens gut vorbereitete Schauspielerinnen (Ich wiederhole mich: ein Hoch auf reine Frauenproduktionen! Es eitelt entschieden weniger und wenn dann tut's der Übungsleiter!), in den freien Stunden mit dem holländischen Leihfahrrad die Förde hoch und runter gepeest, eine erfreuliche Premiere, sehr freundliche Kritik (Regiegröße! Uff! Siehe vorne: Eitelkeit!) und der gute alte Theaterdirektor Dentler ist ein goldenes Schwabenherz. Da brauche ich ein paar Tage die doch recht enge mittelhessische Gernegroßstadt Gießen, die damit rumkokettiert nicht am Meer zu liegen, wieder ins Herz zu schließen. Denke aber Gerhard Gundermanns Lieder und Worte und der aus der Fußballbundeshauptstadt Freiburg (Keller! Streich! Löw!) anreisende Genosse Kapellmeister Bendiks werden mir dabei behilflich sein. Nun: Glück auf!!!!

 

(kiel, den 3. september 2019) Ich hatte mir ja immer gewünscht mal im Sommer in Kiel zu arbeiten, jedoch als ich vorletzten Sonntag aus dem Zug stieg, mir schwüle dreiunddreissig Grad entgegensprangen, kein Lüftchen sich regte und dies eine ganze Woche lang, na ja! Seit heute wieder das Kiel, welches ich kenne: Regen, der quer in der Luft liegt, umgedrehter Regenschirm und so siebzehn Grad unter jagenden Wolken. Ich mag es so schon gerne. Verzeihet mir, you Partypeople! Es arbeitet sich besser und das macht gerade Freude, auch wenn ich Tag für Tag auf der Probebühne auf ein frisch aufgeschüttetes Grab blicke und zwei Menschen sich darüber in die Haare geraten, wer sie nun gewesen sei, die Verstorbene. Letzten Freitag war ich kurz in Berlin auf einer bewegenden und würdevollen Trauerfeier. Bergrun Richter, diese wundervolle Frau, die ich kennenlernen durfte und über die und ihren Mann ich vor ein paar Jahren in Gießen ein - vom Theater leider etwas stiefmüttlich behandeltes - Stück collagiert hatte, wurde zu Grabe getragen. Und siehe, die verschiedenen Redebeiträge - die Familie hatte mich gebeten einen Trauertext von Heino Falcke zu verlesen - zeigten auch durchaus divergierende Facetten von Bergrun und mir schien, so erst wurde sie zu dem einen Mensch. So oder so. Und den Schlußpunkt setzte sie selbst: mit diesem letzten Lied. Einiges gelernt für meine Arbeit hier am offenen Grab. Wer mich kennt weiß wie ich solche Koinzidenzien mag. Und dann war der Heino Falcke auch noch einer, der die DDR nicht verlassen wollte, bevor sie nicht eine "bessere" geworden. Man muß es versuchen. Und so grüßte auch Gundi.